Haushalte und Migration

Im ethnologischen Part des »Mobile Welten«-Projekts untersuchen wir, wie sich individuelle Migrationsgeschichten in (post-)migrantischen Haushalten niederschlagen und welchen Stellenwert »transkulturelle« Dinguniversen für die darin wohnenden Personen besitzen.

Dazu wurden bisher gut ein Dutzend Haushalte von Menschen in ganz verschiedenen Lebenslagen und mit sehr unterschiedlichen biografischen Bezügen zu Dingen, Orten, Familie, Freund_innen und Ereignissen ethnografisch untersucht. Uns beschäftigt dabei die Frage, welche Bedeutungen den Dingen in diesen Kontexten zukommen und welche Rolle sie in alltäglichen Praktiken, Begegnungen und kulturellen Interaktionen spielen, die sich nicht einfach auf bloße Gegensätzlichkeiten reduzieren lassen.

Die alltägliche Ordnung der Dinge ist weder homogen noch kann sie als bloßer Ausdruck der Bedeutungshorizonte, Werte und Normen ihrer Bewohner_innen gelten. Die Gegenstände eines Haushalts sind vielmehr Teil eines Aushandlungsprozesses: Ihre Bewertung ist umstritten und ihr Gebrauch wandelt sich. Die Bezüge zu den Dingen werden mit anderen Worten immer wieder neu definiert. So kann etwa ein bestimmter Einrichtungsgegenstand in einem sozialen Kontext völlig unspektakulär erscheinen, während er in einem anderen Zusammenhang als offensive Abgrenzung oder Affront wahrgenommen wird. In solchen Fällen müssen die Haushaltenden zwischen unterschiedlichen Realitäten verhandeln und navigieren.

Kurz, Menschen und Dinge befinden sich in einem Verhältnis der Bewegung und Veränderung. Ob und inwiefern Gegenstände mit »Migration« assoziiert werden, hängt beispielsweise gar nicht so sehr davon ab, ob sie besonders »exotisch« oder »fremd« erscheinen. Vielmehr sind es die individuellen Geschichten, Wahrnehmungsweisen und Alltagspraktiken, die auch ein ganz unscheinbares und alltägliches Ding mit Migrationserfahrung verknüpfen und damit zu einem »migrantischen Objekt« machen können. Solche Bezüge sind teils so gewöhnlich, dass sie schwer erkennbar sind und man ihnen oft erst dann gewahr wird, wenn sie irritiert werden.

So können etwa Konsumgüter wie Shampoo, Pflegeprodukte oder Glühbirnen, die z.B. als Mitbringsel dien(t)en, mit wichtigen transnationalen familiären Beziehungen und Ereignissen verbunden sein. Der vermeintlich geringe, symbolische Gehalt dieser Dinge als allgemein anerkannte Repräsentationsobjekte macht sie für die auf sie Bezug nehmenden Personen und Zusammenhänge nicht weniger bedeutsam.

Wie sich in diesem Beispiel schon andeutet, sind Haushalte Schnittstellen und Knotenpunkte persönlicher, aber eben auch breiterer gesellschaftlicher Bezüge. Dinge stehen dafür, sich innerhalb bestimmter Gegebenheiten einzurichten – mögen diese nun prekär oder eher komfortabel, eher selbst gewählt oder auferlegt sein. Sie helfen dabei, Beziehungen zu bewahren und zu schaffen und sich so (neu) in der Gesellschaft zu verorten. Solche Prozesse können ethnografisch fruchtbar nachgezeichnet werden. Die Untersuchung von Haushalten bietet eine reichhaltige Quelle, um eine komplexere Vorstellung von transkulturellen Lebenswelten in Deutschland zu gewinnen, die einfache Dichotomien zurückweist und dagegen (Post-)Migration als eine grundlegende Bedingung des Zusammenlebens stark macht.

Da sich die bisherige Forschung zur materiellen Kultur vornehmlich auf herausgehobene Einzelobjekte konzentriert hat und dabei die Alltäglichkeit der Dinge oftmals vernachlässigt wurde, liegen für eine solche Forschungsperspektive bislang kaum geeignete Methoden vor. Ziel dieses Teilprojektes ist also auch, ein methodologisches Instrumentarium zu entwickeln, das nicht nur der Vielschichtigkeit der häuslichen Dinguniversen Rechnung trägt, sondern zugleich die Lebenslagen, die alltäglichen Probleme und die Erwartung an Gegenwart und Zukunft in unserer Gesellschaft dokumentiert.

  • 27.5.2018
    »Finden & Erfinden«
    Führung der Dingforscher_innen
  • 31.5.2018
    Andreas Reckwitz »Die Kulturalisierung der Politik«
    Gespräch
  • 14.6.2018
    »Amargî« – Das kulturelle Erbe von Rojava
    Vortrag & Führung
  • 21.6.2018
    »ARK//Eine Kiste Platten & eine Kiste Bier mit DIR«
    Führung & Listening Session
  • 28.6.2018
    »Wozu all das«
    Kuratorenführung
  • 5.7.2018
    »Arkestrated Rhythmachine Komplexities«
    Konzert, Lesung & Führung
  • 6.7.2018–7.7.2018
    »Modeschule«
    Workshop
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Team v

Friedemann Neumann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Ethnologisches Institut der Goethe-Universität Frankfurt a. M.)

Prof. Dr. Hans Peter Hahn, Projektleitung (Ethnologisches Institut der Goethe-Universität Frankfurt a. M.)

WM

Dr. Sophia Prinz
Koordinatorin und wissenschaftliche Leitung des Verbundprojekts »Mobile Welten«
prinz@europa-uni.de

Julia Lerch-Zajączkowska
Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Ausstellung)
lerch-zajaczkowska@mobile-welten.org

»Mobile Welten« ist eine Kooperation zwischen dem Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in Hamburg, der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. sowie der Erich Kästner-Schule in Hamburg-Farmsen. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Johann Jacobs Museum Zürich. Laufzeit: Oktober 2015 – September 2018

Angaben gemäß § 5 TMG

Europa-Universität Viadrina
Kulturwissenschaftliche Fakultät
Vergleichende Kultursoziologie
Große Scharrnstr. 59
15230 Frankfurt (Oder)
https://www.europa-uni.de

Vertreten durch:
Dr. Sophia Prinz
prinz@europa-uni.de
Telefon: +49 335 5534 2932

Verantwortlich für das Design der Website:
Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz
20099 Hamburg
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Vertreten durch:
Udo Goerke
udo.goerke@mkg-hamburg.de
Telefon: +49 40 428 134-100

Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV
Dr. Sophia Prinz

Konzept und Produktion: Timo Meisel, Wanda Wieczorek

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