Ines Doujak: Ohne Titel, 2004
Ines Doujak: Ohne Titel, 2004

Mobile Welten. Zur Migration von Dingen in transkulturellen Gesellschaften

Unzählige Dinge wandern über den Erdball – unter anderem in Form von Handelsware, als virtuelle Gestalten auf Computerbildschirmen oder auch im Gepäck von TouristInnen oder MigrantInnen. Im Verlauf dieser Wanderbewegung kann sich die Bedeutung der Dinge, aber auch ihre Gestalt verändern. Doch was signalisiert das Trikot der kroatischen Nationalmannschaft, wenn es von einem Jungen in Raqqa getragen wird? Und was wird aus dem Container, wenn ihn Flüchtlinge bewohnen? Eine moderne Gesellschaft lebt am Schnittpunkt zahlreicher Waren- und Migrationsströme und bildet zwangsläufig eine transkulturelle Ordnung der Dinge aus. Im Rahmen dieses prekären Gemenges verbinden, überlagern oder stören sich Formen unterschiedlichster Herkunft. Manche Dinge – das Kruzifix, das Kopftuch oder einige deutsche Automarken – eignen sich zur Verstärkung kollektiver Identitäten oder provozieren, als Kehrseite der Medaille, vehemente Abwehrreaktionen. Daneben gibt es bedeutungsoffene Formen, die sich auf vielfältige Weise aneignen und umarbeiten lassen: Melodien, Speisen, Sportarten oder Mode. Zudem umfasst materielle Kultur eine große Zahl von Gebrauchsgegenständen, deren transkulturelle Herkunft selten bedacht, geschweige denn explizit wahrgenommen wird – wie Porzellan, Teppiche, Lackwaren, Parfum oder Shampoo. Dieses Alltäglich-Zuhandene schmuggelt sich in die Lebenswelten, wobei es diese unbemerkt umkrempelt. Somit bezeugt die transkulturelle Gegenwart der Dinge nicht nur verschiedenste Wahrnehmungs- , Denk- und Handlungsweisen, sondern prägt diese auch mit.
"Mobile Welten" – eine Kooperation zwischen dem Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in Hamburg, der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), der Goethe-Universität in Frankfurt a.M. sowie der Erich Kästner-Schule in Hamburg-Farmsen – geht diesen Verflechtungen in drei Teilprojekten nach:

Inhaltliche und organisatorische Koordination:

Sophia Prinz
prinz@europa-uni.de

gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Johann Jacobs Museum Zürich

Laufzeit: Oktober 2015 – September 2018

1.) Das transkulturelle Museum

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) stiftet für die Projektdauer (2015-18) eine Art extraterritorialen Raum, in dem transkulturelle Objekte (persische Töpferware beispielsweise, die chinesisches Porzellan imitiert, oder Hindualtäre in Gelsenkirchener Barock) versammelt und in Auseinandersetzung mit Publikumsgruppen, gerade auch solchen mit Migrationserfahrung, nach neuen museologischen Kategorien geordnet werden (ob diese „neuen“ Kategorien der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit eher entsprechen als jene etablierten Kategorien, die zumeist dem 19. Jahrhundert mit seiner nationalstaatlichen Emphase entstammen, sei erst einmal dahingestellt). Das transkulturelle Museum verfolgt analytische ebenso wie spekulative Ambitionen und überantwortet sich rückhaltlos dem Prinzip des trial and error, statt, wie gehabt, auf Artefakte plus Schildchen und Begleitprogramm zu setzen. Damit knüpft das MKG an aktuelle Debatten an, wie sie sowohl um die Musealisierung der Migration als auch um die Symmetrie von westlichen und nicht-westlichen Formen- und Vorstellungswelten (beispielsweise im Berliner Humboldt-Forum) geführt werden.

Kuratorische Leitung:

Roger M. Buergel, Direktor Johann Jacobs Museum Zürich
office@johannjacobs.com

in Zusammenarbeit mit den Kustodinnen und Kustoden des MKG

Projektleitung:

Sabine Schulze, Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg
direktion@mkg-hamburg.de

mkg-hamburg.de

2.) Der Alltag als Ausstellung

Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder); Erich-Kästner-Schule Hamburg

Wird das Museum als transkulturelle Szene neu gedeutet, kommt der Frage der Vermittlung eine besondere Bedeutung zu. Nun gehört der Anspruch, aus dem Zentrum zu sprechen, durchaus zum Selbstverständnis der Institution „Museum“. Heute geschieht dies nicht mehr in belehrendem Tonfall, sondern über die Einladung zur Partizipation, die sich bevorzugt an sogenannte „bildungsferne Schichten“ richtet. Uns stellt sich daher die Frage, wer genau zu wessen Bedingungen partizipiert: Ist es allein das Publikum, das vom Museum lernt, oder könnte nicht auch das Museum, gerade in Sachen transkulturelle Erfahrung, eine Menge von seinem Publikum lernen? In diesem Sinne setzt das Vermittlungsprogramm, das aus der Kooperation von Schule, Museum und Universität erwächst, auf die aktive Teilnahme von Jugendlichen auf allen Ebenen: Als ExpertInnen des transkulturellen Alltags werden SchülerInnengruppen der Erich-Kästner-Schule in Hamburg-Farmsen nicht nur die Museumsexponate auf ihre Aktualität hin befragen, sondern auch die transkulturelle Dingordnung ihrer eigenen Lebenswelt ethnographisch erforschen. Ziel dieser Zusammenarbeit ist der Aufbau einer Art Gegensammlung, welche die historischen Exponate des Museums kommentiert, unterstützt oder konterkariert.

Team:

Esther Pilkington, Performancemacherin und –forscherin, Mitglied bei geheimagentur und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für vergleichende Kultursoziologie der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)
pilkington@europa-uni.de

Ulrich Schötker, Kunstvermittler und –pädagoge, Studienrat an der Erich-Kästner-Schule, Leiter des Vermittlungsprogramms auf der documenta 12 [2007]
ulrich@artmediation.org

und Schülerinnen und Schüler der Erich Kästner Schule in Hamburg-Farmsen

Die Kooperation von Museum und Schule ist zugleich Ausgangspunkt für eine universitär eingebettete, praxistheoretische Analyse des Phänomens „Display“. Wie uns die Welt erscheint, so die leitende These, wird von der formalen und ästhetischen Anordnung der Dingwelt maßgeblich beeinflusst. Nicht nur im Museum, sondern auch im Alltag haben wir es mit Ausstellungen zu tun. Dazu gehören etwa die Auslage im Handyshop, die Wandbemalung in der Eisdiele oder die Magneten am Kühlschrank. In transkulturellen Gesellschaften treffen Glaubensformen, Diskurse und soziale Strukturen aufeinander, es begegnen und verbinden sich aber auch verschiedenartige Wahrnehmungstraditionen und ästhetische Bewertungsmuster. „Display“ wird hier bewusst weit gefasst und bezeichnet grundsätzlich alle Konstellationen von Räumen, Dingen und Körpern, die etwas zur Schau stellen.

Team:

Sophia Prinz, Kultursoziologin und –wissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für vergleichende Kultursoziologie der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder) und am Johann Jacobs Museum Zürich
prinz@europa-uni.de

Lisa Schubert, Studentin des Masterstudiengangs „Soziokulturelle Studien“ an der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), wissenschaftliche Hilfskraft im BMBF-Projekt „mobile Welten“
mobiwe@europa-uni.de

kuwi.europa-uni.de
erich-kaestner-schule-hamburg.de

3.) Die Migration häuslicher Dinguniversen

Goethe Universität Frankfurt a.M.

Empirischer Gegenstand dieses ethnologischen Projekts sind migrantische Haushalte, die darin lebenden Personen sowie die damit verbundenen „transkulturellen“ Dinguniversen. Die häusliche Ordnung der Dinge ist weder homogen noch fungiert sie lediglich als Repräsentant der Bedeutungen, Werte und Normen der Bewohner des Haushalts. Vielmehr sind diese Objekte Teil einer Aushandlung: Ihre Bewertung ist umstritten, ihr Gebrauch wandelt sich und die mit ihnen verknüpften Kontexte werden immer wieder neu definiert. Die Betrachtung der Dinge in Haushalten bietet somit eine reichhaltige Quelle, um eine komplexere Vorstellung von den migrantischen Lebenswelten in Deutschland zu gewinnen. Da sich die bisherigen Forschungen zur materiellen Kultur vornehmlich auf herausgehobene Einzelobjekte konzentriert und weder die Alltäglichkeit der Dinge noch ihren konstellativen Verweisungszusammenhang berücksichtigt haben, liegen für eine solche Forschungsperspektive jedoch keine geeigneten Methoden vor. Ziel ist also auch, ein geeignetes methodologisches Instrumentarium zu entwickeln, das nicht nur der Vielschichtigkeit der häuslichen Dinguniversen Rechnung trägt, sondern zugleich auch die Lebenslagen, die alltäglichen Probleme und die Erwartung an Gegenwart und Zukunft in unserer Gesellschaft dokumentiert.

Team:

Hans Peter Hahn, Professor für Ethnologie mit regionalem Schwerpunkt Afrika an der Goethe-Universität Frankfurt a. M.
hans.hahn@em.uni-frankfurt.de

Friedemann Neumann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ethnologischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt a. M.
fr.neumann@em.uni-frankfurt.de

uni-frankfurt.de/43492836/hahn